Dienstag, 3. Mai 2016

Die Colonia Dignidad


Eine menschenverachtende Sekte in Chile
Fotos: Spiegel.de
Zitate aus dem Buch: "Weg vom Leben.35 Jahre Gefangenschaft in der deutschen Sekte Colonia Dignidad" (2005) von Efraín Vedder



Paul Schäfer (1921-2010)
Kinderschänder Paul Schäfer geißelte jegliche Sexualität als Sünde. Männer und Frauen wurden strikt getrennt; sie sahen sich meist nur aus der Ferne. Einige junge Frauen wurden mit elektrischen Viehtreibern zwangssterilisiert, heimliche Affären drakonisch bestraft. Pubertierende Jungs schickte man ins Krankenhaus und ließ sie auch im Schlaf beobachten: Wer eine Erektion bekam, erhielt Elektroschocks.
Ein Leben ganz im Dienst für Gott, dass hatte Paul Schäfer den 280 Bewohnern auf dem hermetisch von der Außenwelt abgeriegelten Gelände versprochen. Eine Welt der „Würde“ 360km südlich von Santiago. Im Nirgendwo, weit entfernt von jeder staatlichen Kontrolle baute Schäfer (1949 – 2010) jedoch ein Terrorregime auf. Die erfolgreiche Arbeit dieser fundamentalistische Sekte zeigte der ganzen Welt, dass auch mehr als 30 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus Deutsche Folter und Mord unbehelligt ausüben durften.
Der Offizielle Name der Kolonie war: „Sociedad Benefactora y Educacional Dignidad“ / „Wohltätigkeits- und Bildungsgemein- schaft Würde“, seit 1988 Villa Baviera / Dorf Bayern. In der Pinochet-Diktatur (1973-1989) entwickelte sich die Colonia zu einem der größten Wirtschaftsunternehmen Chiles. Immer mehr Land kam hinzu, bis sie flächenmäßig so gross war wie das Saarland. In ihren Bergwerken wurden Titan und Molybdän (Chrom für Stahllegierungen in Kanonen) gefördert.
Eine Frau mit zwei Kindern in der ehemaligen Colonia Dignidad, Heute „Villa Baviera“. Aufnahme von 2005
Die Colonia exsistierte schon seit sechs Jahren als Efraín, achtes Kind einer armen Familie aus der Umgebung, nach einer kostenlosen Behandlung im Krankenhaus „der Deutschen“ nicht mehr an die Eltern zurückgegeben wurde. 1975, zwei Jahre nach der Machtübernahme Pinochets wurde Efraín Morales Norambuena von einer deutschen Frau der Colonia adoptiert und hieß von nun an Efraín Vedder. Wie alle anderen chilenischen und deutschen Bewohner im Reich des Paul Schäfer wohnte, aß und schlief in Heimen auf dem von Schäfer mit Kameras und Mikrofonen überwachten Gelände.
Zitat Efraíns zur Organisation:
„Ob Heilsarmee – die 15- bis 35jährigen oder die Askaris – 35 bis 40, ob Keile – 6 bis 15jährigen oder die Comalos – die 50-bis 60jährigen: Alle Gruppen hatten ihre besonderen Aufgaben, wohnten zusammen und wurden gemeinsam mit einem ihnen speziell zugeordneten Signalton zu Versammlungen gerufen. Die fanden stets im Zippelhaus statt.“
„Eine Kirche gab es nicht, denn Schäfer war der Meinung, die Kirche sei ein überflüssiges Symbol. Die Kolonie insgesamt sei der Gemeinschaft eine Kirche.“
Zusammenarbeit mit der Diktatur in Chile
Zitat Efraín:
„Auf großen Monitoren beobachteten Tag und Nacht die Mittleren Knappen und die Askaris das Gelände der Kolonie. Stolperdrähte aus Kupfer waren kilometerlang quer über das Gelände gespannt. Wenn die rissen, sei es durch einen Mensch oder ein Tier, wurde ein elektrischer Fluss durchbrochen und das Signal sofort an die Zentrale gesandt. Sofort wurde dann stiller Alarm ausgelöst, und bewaffnete Trupps machten sich mit den Hunden auf, entweder die Eindringlinge zu verjagen oder den Flüchtenden zu überraschen. So perfekt war das Zusammenspiel von Mensch und Technik, dass Flucht nahezu unmöglich war.“
Während der chilenischen Militärdiktatur unter Augusto Pinochet (1973-1990) arbeitete die Kolonie eng mit dem Militär und den Geheimdiensten zusammen. Auf dem Gelände wurde ein Folterlager der Geheimpolizei DINA angelegt. Dort folterte man hunderte chilenische Regimegegner, Dutzende wurden ermordet. In der Colonia Dignidad wurden auch konventionelle, chemische und biologische Waffen hergestellt. Sie waren ein wichtiger Baustein der Rüstungs- und Kriegsplanungen Pinochets, denn Chile befand sich in permanenten Grenzstreitigkeiten mit seinen Nachbarländern und war  während der Militärdiktatur zeitweise von Waffenembargos betroffen. Die Colonia Dignidad bot sich wegen seiner Abgeschlossenheit und Abgelegenheit an und konnte außerdem als anerkannter wohltätiger Verein zollfrei Güter über Chiles Häfen und Flugplätze einführen.



Zusammenarbeit mit Deutschland

In der Ära des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer (1949-1963) hat man kritische Stimmen zur Colonia Dignidad lieber unter den Teppich gekehrt.
Den wenigen, denen die Flucht gelang, wurde nicht geglaubt. Ehemalige Sektenmitglieder berichten, dass selbst die Deutsche Botschaft bis 1985 Flüchtlinge wieder zurück in die Kolonie schickte. Die Kolonie hatte sich zu einem großen Wirtschaftsunternehmen entwickelt, hatte eine eigene Flugzeuglandebahn und pflegte Kontakte zu deutschen Politikern und Diplomaten.
Bis in die 1990er Jahre hing ein handsigniertes Porträt des früheren bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß (1915 – 1988) in dem zentralen Bau der Siedlung. Strauß hatte 1977 eines der Restaurants der Siedlung besucht und sich danach nie kritisch geäußert.