Posts mit dem Label Out of Cologne werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Out of Cologne werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 11. September 2012

Gießen Bahnhof



Leere und Streß, Massenauflauf und Einsamkeit. Eine Einöde mit/in Zügen. Total beklemmend, hier zu verweilen, während Menschen von einem Zug zum nächsten hetzen. Ein toter Ort. Hier gibt es keine Spatzen, noch nicht einmal Fliegen oder Spinnen. Man kann sich nirgendwo unterstellen. Um einen Bus zu bekommen, muss man über eine riesige provisorische Brücke klettern und in einem Parkhaus herumirren. Andere verlorene Seelen rennen an einem vorüber und fixieren mit ihren Augen ferne Ziele außerhalb der staubigen Hallen. Niemand unterhält sich. Hier gibt es keine Sitze. 
Bahnhöfe sind ja im Allgemeinen nicht als Brutstätten der Behaglichkeit verschrien, aber Gießen schlägt dem Faß den Boden aus. So etwas Häßliches habe ich in dieser Größenordnung noch nie gesehen. Sogar der Bahnhofsvorplatz wurde in aller Konsequenz in Form einer abweisenden Umarmung an das abstoßende Schienengeschwulst herangeklotzt.
Hinter dem Keilbahnhof, direkt neben den Bushaltestellen, erstreckt sich eine große Wiese, die jedoch durch einen steilen Abgrund von der faden Realität der Nutzbarkeit getrennt wird. Auf dem Rückweg durch das Parkhaus fixiere ich zwei Mülltonnen, die neben einem Abstellgleis überquellen. Nur am Gießener Bahnhof kann man den Schmerz der Einsamen fühlen, deren Ziel am Ende der kahlen Gleise verblasst.
[Foto: http://www.flickr.com/photos/fabi_k]

Montag, 20. August 2012

gustav nagel - Visionär oder Spinner?

Diesen Post können Sie/könnt Ihr auch auf Spanisch lesen:

Am 28. März 1874 wurde Carl Gustav Adolf Nagel als achtes Kind einer Gastwirtsfamilie in Werben an der Elbe (Altmark) geboren. Nach mehrjährigen Reisen (zu Fuß), die ihn unter anderem bis nach Jerusalem führten, ließ er sich am Arendsee, dem größten und tiefsten See im heutigen Bundesland Sachsen-Anhalt, nieder. Zu diesem Zeitpunkt hatte er schon seine eigene ortografi ausgearbeitet und fing an, unbeirrt von amtlichen Entmündigungsversuchen und ärztlichen Gutachten, auf einem malerisch gelegenen Stück Land am See seinen Tempel zu bauen.
[Foto: Gustav Nagels Tempel im Jahr 2012 - Fummelmond) 
                                                                                                                                              
Im Jahr 1928 verkaufte er 10.537 Eintrittskarten an Besucher aus allen Teilen Deutschlands, die auf den außergewöhnlichen Prediger aufmerksam geworden waren und seinen garten eden besichtigen wollten. Sein Erscheinungsbild und der Versuch, mit der Natur im Einklang zu leben, mögen auf uns heute keinen großen Eindruck mehr machen. In den Zeiten des deutschen Kaiserreiches und der Weimarer Republik war Gustav Nagel eine spektakuläre Erscheinung - ein Exot, der mit der Kirche und den Behörden im Dauerstreit lag. Doch auch der Landrat konnte nicht verhindern, dass dieser Mann, den wir heute als Hippie bezeichnen würden, politisch aktiv wurde. Seine deutsch-kristliche folkspartei konnte bei den Reichstagswahlen des Jahres 1924 insgesamt 4.287 Stimmen gewinnen.
[Foto: Gustav Nagel in den 1920er Jahren - societyofcontrol.com]

 
Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten geriet der Prediger vom Arendsee auf die Liste der unangepassten Personen. Als im Juli 1943 die Gestapo vor der Tür stand, da war der Lebensreformer schon durch zahlreiche Verbote seiner Aktivitäten, die Schließung und Beschädigung seines Tempels und mehrmalige Gefängnisaufenthalte zu einem Schatten sein selbst geworden. Er wurde sofort in das KZ Dachau gebracht, doch schon nach wenigen Monaten in die Nervenheilanstalt Uchtspringe überführt. Dort erlebte Gustav Nagel das Ende des Zweiten Weltkrieges. 
[Foto: Gustav Nagles garten eden im Jahr 2012 - Fummelmond]
Doch auch die neuen Machthaber deuteten Gustav Nagels alternative Lebensidee als offene Kritik am sozialistischen Gesellschaftsmodell. Eine Friedensbotschaft an die vier Berliner Stadtkomandanten und zwei Versuche, einen deutschen König zu krönen, führten zu seiner erneuten Verhaftung im Jahr 1949. Drei Jahre später starb Gustav Nagel in der Nervenheilanstalt Uchtspringe an Herzversagen.

Es gäbe noch viel über gustav nagel zu berichten, doch würde es den Rahmen eines Posts sprengen. Im Jahr 2001 erschien ein Buch über gustav nagels Lebensgeschichte:



Was haltet Ihr von Lebensreformern wie Gustav Nagel? Spinner oder Visionäre?

Kommentiert den Post oder schreibt uns unter:

fummelmond@gmail.com

Mittwoch, 8. August 2012

Friedrich der Große – „Friederisiko“ - eine Ausstellungskritik


Noch bis zum 28. Oktober 2012 habt Ihr die Möglichkeit, im Neuen Palais des Schlosses Sanssouci in Potsdam eine große Ausstellung über den umstrittenden preußischen König zu besuchen. Umstritten, weil hier in 72 Sälen nicht die Geschichte des militärisch genialen und fürsorglichen Landesvaters erzählt wird, sondern das Schicksal eines Mannes, der dazu verdammt war, jeden Moment seines Lebens perfekt zu inszenieren. Rubriken wie „Körper und Seele“, „Horizonte“ oder „Modeaffe“ stellen den Versuch dar, ein ganzheitliches Bild des oft missbrauchten Denkmals "Friedrich der Große" zu präsentieren. Und in der Regel gelingt das auch sehr gut. Nach zwei bis drei Stunden kann man erahnen, warum der junge Friedrich schon zu Beginn seiner Regierung alles auf eine Karte setzte und sogar bereit war, sein Land für den Ruhm zu opfern.Doch gerade dieses größte Risiko seines Lebens, der Siebenjährige Krieg, kommt in dieser Ausstellung zu kurz. Die Aussteller wollten nicht von einer Schlacht zur nächsten hetzen, sie wollten den Menschenhasser, den homosexuellen und/aber leidenschaftslosen Friedrich zeigen. Das ist ihnen gelungen. Und hier liegt auch der Schwerpunkt der Ausstellung. Wem das nicht ausreicht, der sollte schon im Vorfeld eines der unzähligen Bücher zur Hand nehmen, die akribisch die preußische Militärgeschichte aufarbeiten. 
"Friederisiko" ist nicht nur ein ausnehmend guter Titel für eine Ausstellung zum 300. Geburtstag dieses angeblichen „Großen“, Friederisiko steht auch für die Entmystifizierung eines noch heute in gewissen Kreisen üblichen Nationalstolzes.
Und völlig leidenschaftlos war Friedrich nun auch wieder nicht. Wenn Ihr wissen wollt, warum, dann schaut Euch Friederisiko an. Für 14 Euro bekommt Ihr eine spektakuläre Geschichtsstunde.

„Friederisiko“ – eine Ausstellung im Neuen Palais in Potsdam:
 
Foto: Fummelmond

 Infos erhaltet Ihr unter: www.friederisiko.de/
 
Welche Ausstellung könnt Ihr empfehlen. Schreibt uns unter:

fummelmond@gmail.com