Dienstag, 11. September 2012

Gießen Bahnhof



Leere und Streß, Massenauflauf und Einsamkeit. Eine Einöde mit/in Zügen. Total beklemmend, hier zu verweilen, während Menschen von einem Zug zum nächsten hetzen. Ein toter Ort. Hier gibt es keine Spatzen, noch nicht einmal Fliegen oder Spinnen. Man kann sich nirgendwo unterstellen. Um einen Bus zu bekommen, muss man über eine riesige provisorische Brücke klettern und in einem Parkhaus herumirren. Andere verlorene Seelen rennen an einem vorüber und fixieren mit ihren Augen ferne Ziele außerhalb der staubigen Hallen. Niemand unterhält sich. Hier gibt es keine Sitze. 
Bahnhöfe sind ja im Allgemeinen nicht als Brutstätten der Behaglichkeit verschrien, aber Gießen schlägt dem Faß den Boden aus. So etwas Häßliches habe ich in dieser Größenordnung noch nie gesehen. Sogar der Bahnhofsvorplatz wurde in aller Konsequenz in Form einer abweisenden Umarmung an das abstoßende Schienengeschwulst herangeklotzt.
Hinter dem Keilbahnhof, direkt neben den Bushaltestellen, erstreckt sich eine große Wiese, die jedoch durch einen steilen Abgrund von der faden Realität der Nutzbarkeit getrennt wird. Auf dem Rückweg durch das Parkhaus fixiere ich zwei Mülltonnen, die neben einem Abstellgleis überquellen. Nur am Gießener Bahnhof kann man den Schmerz der Einsamen fühlen, deren Ziel am Ende der kahlen Gleise verblasst.
[Foto: http://www.flickr.com/photos/fabi_k]

Samstag, 8. September 2012

Neue Postreihe: Lieblings-Kinderorte - Heute: Rund um die Bastei

Anleitung zur Durchführung eines kinderfreundlichen Nachmittags an der Bastei nach §9 der Verordnung über das Nachweisverfahren zur Begrenzung unzähliger Besuche im Kölner Zoo.

1. Einführung
2. Rahmenbedingungen
3. Durchführung
4. Breitzuhaltene Materialien
5. Quellennachweis

1. Einführung
Wer sich gerne an der frischen Luft bewegt,Freude am kreativen Malen vor einem großen Publikum hat und seine Portokasse schonen möchte, der sollte den folgenden Anweisungen Folge leisten. Der Austragungsort ist natürlich variabel.

2. Rahmenbedingungen
Die Bastei befindet sich in der Nähe der Zoobrücke am linksrheinischen Ufer (wo sonst?) der nördlichen Altstadt. Es handelt sich um eine Bastion des früheren preußischen Festungsgürtels, die vom Kölner Architekten Wilhelm Riphan 1924 zu einem Restaurant umgebaut wurde. Wir empfehlen die Kreidezeichnungen direkt am Rheinufer zu realisieren, den Drachen lassen Sie am besten im Park neben der Uferstraße steigen.

3. Durchführung (in drei Schritten)
3.1. mit Wind
- Drachen und Kind(er) in Position bringen
- beim Start nicht über die Picknickdecken und Kinder anderer Besucher laufen
- lassen Sie Ihr Kind auch einmal mit dem Drachen spielen
(Foto: Fummelmond)








3.2.  ohne Wind
- Kreide und Kind(er) in Position bringen
- auf Fahrradfahrer achten
- mit den chinesischen Touristen über die Rechte an den Photos verhandeln

4. Bereitzuhaltene Materialen
- ein Paket Straßenkreide
- ein als Drachen bezeichnetes Flugobjekt
- Hosen, die dreckig werden dürfen
- die für einen Ausflug üblichen Nahrungsmittel
- Wind/Trockenheit
- Picknickdecke (optional)
(Foto: Fummelmond)

5. Quellennachweis 
Konrad-Adenauer-Ufer 80; 50668 Köln


Welches sind Eure Lieblings-Kinderorte in Köln? Schreibt uns eine Email an:
fummelmond@gmail.com
Wir würden uns freuen, Eure Vorschläge hier veröffentlichen zu können.

Donnerstag, 6. September 2012

Museen und ihre Besucher

Wie gelangen eigentlich die Ausstellungsstücke in das Museum? Nicht nur Schliemann und Co. sind dafür verantwortlich, dass bedeutende Relikte und praktische Alltagsgegenstände dem interessierten Besucher mehr oder weniger ansprechend präsentiert werden. Eine große Zahl von Gelegenheitsfinder und -überbringer hat großen Anteil an der Quantität und Qualität der Ausstellungsstücke. Einige werden persönlich überreicht, andere in einer Nachtaktion vor der Eingangstür positioniert. Und dann gibt es da noch Ausstellungskuratoren, die Pressemitteilungen schreiben, um dann später die Dachböden fremder Leute zu durchforsten. Das der Rat der Stadt beschließt, ein mit einer Million Euro dotiertes Gemälde zu erwerben ist eher die Seltenheit.
Männer gehen allein oder zu zweit ins Museum, Frauen treten eher in Gruppen auf. Abgesehen von den unzähligen Schulklassen, Kunstvereinen, Ehrengästen und verpflichteten Mitgliedern diverser Unternehmen ist der typische Museumsbesucher Tourist oder Bildungsbürger im Alter von 0 bis 25 und dann wieder ab 40 Jahren.
Zwischen dem 25. und dem 40. Lebensjahr geht man nur sehr selten oder gar nicht ins Museum. Die Schuld daran muss man den Kinder geben und nicht alle Museen sind thematisch oder räumlich in der Lage, auch ein kindgerechtes Angebot ins Programm zu nehmen.
Kurz vor den Ferien belagern gewaltige Schulklassenkontingente die Eingangstüren, werden im Eilverfahren durch die Räume geschleift, suchen dabei verzweifelt nach Sitzgelegenheiten und verschwinden oft so schnell wie sie gekommen sind.
Doch wer sich regelmäßig in Museen aufhält, der wird auch den Besuchern begegnen, die heimlich ein Gemälde abzeichnen, in extremen Posen vor Hakenkreuzen fotografiert werden, im Stehen einschlafen oder die Frau ihrer Trume beim Betrachten eines indonesischen Reisspeichers verliebt bestaunen.
Geht doch mal in ein Museum und konzentriert Euch auf dessen Besucher. Das ist manchmal besser als Fernsehen und die perfekte Gelegenheit, dass Wissen zu vergessen.

Dienstag, 4. September 2012

Ein Tag


Am Abend des Tages stand sie da
bereit ihn abzuholen, so wie jeden Tag
und es störte sie nicht, dass er schwieg, sie nicht einmal ansah
wie lange mochten sie nun schon so leben, aneinander vorbei
leben
der Tag verging im Schweigen
am Ende vom Tag bist du einen Tag älter


Alle Texte zum Thema Schreiben findet Ihr ab sofort unter:
http://schreibmahlzeit.wordpress.com/

Sonntag, 2. September 2012

Haute Nazi Couture III

Die Kosten für eine vollständige HJ- oder BDM (Bund Deutcher Mädel)-Uniform beliefen sich auf ungefähr 200 Reichsmark - so hoch wie der durchschnittliche Monatsverdienst eines Großteils der damaligen Bevölkerung. Weil sie einfach zu teuer war, verfügte nur ein kleiner Teil der 8,7 Mitglieder der HJ und des BDM über eine komplette Uniform - und das waren auch diejenigen, die in den ersten Reihen standen, wenn die Kameras liefen. Selbst kleine Details gaben Aufschluss über das Vermögen der Eltern. War die BDM-Bluse zweireihig oder nur einreihig zuknöpfbar?
Der Dresscode der Bündischen Jugend oder der SwingJugend konnte ebenfalls nicht von allen Mitgliedern eingehalten werden. Die breite Masse der verschiedenen Befürworter oder Gegner des Dritten Reiches hatte nicht genug Geld, um den Uniform-Modetrends zu folgen.

Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde im Nationalsozialistischen Deutschland die so genannte "Reichskleiderkarte" eingeführt. Jeder Bürger erhielt in regelmäßigen Abständen ein neues Punktekontigent, dass er für den Erwerb von Textilien nutzen konnte. Die Verkäufer in den Geschäften durften nur unter Vorlage der eingesammelten Punktekarten neue Kleidungsstücke - zusätzlich zum Geldwert der Ware - erwerben. [Foto: Auszug aus einer Reichskleiderkarte - return2style.de]

Ab 1939 wurden unzählige Textilien aus allen von den deutsch besetzten Gebieten per Feldpost in die Heimat geschickt. Jeder Soldat durfte bis zu 12 Pakete pro Tag verschicken. Da der Sold der Wehrmachtsangehörigen in Norwegen, Frankreich oder Griechenland im Vergleich zur dortigen Währung extrem aufgewertet wurde und die einheimischen Verkäufer gezwungen wurden, das deutsche Geld anzunehmen, wurde maßenhaft Kleidung an die Familien verschickt. Sehr zum Mißfallen der NS-Führung, die vorhatte, Berlin zum neuen deutschen Modezentrum Europas (oder der Welt) auszubauen.

Die Uniform der Wehrmacht wurde übrigens von Hugo Boss angefertigt. Bis heute sträubt sich das Unternehmen gegen eine transparente Aufarbeitung dieses Teils der Firmengeschichte.

Abschließend soll noch die so genannte "Schuhprüfstelle" im KZ Sachsenhausen erwähnt werden. Im Auftrag des Reichswirtschaftsministeriums wurden im KZ Sachsenhausen ab 1940 auf einer 700 m langen „Schuhprüfstrecke“ Schuherzeugnisse für die Verwendung im militärischen Einsatz geprüft. So wurde z. B. die Haltbarkeit des Materials getestet, indem die dem Arbeitskommando zugewiesenen Häftlinge täglich 30-40 Kilometer zurückzulegen hatten. Die Häftlinge durften sich nicht ausruhen. Das Anlehnen an Barackenwände wurde strengstens bestraft. Zur Erhöhung der Materialbelastung mussten die Häftlinge zusätzlich schwere Rucksäcke tragen. Die Zuweisung zum „Schuhläuferkommando“ konnte 3, 6, 9 Monate oder unbegrenzt dauern. Die chemische Industrie zahlte für die „Prüfversuche“ und die damit verbundene „Nutzung der Häftlinge“ eine Gebühr an die SS-Wirtschaftverwaltung. Die menschenverachtenden Umstände bei diesen Testversuchen führte dazu, dass täglich 15 bis 20 Gefangene starben.
[Text und Foto: Schuhprüfstrecke im KZ Sachsenhausen - hier konnten sieben verschiedene Straßenbeläge getestet werden                                                                         koenigin-luise-stiftung.de]


Hier noch ein weiterführender Link zu Hugo Boss:
http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/nazi-vergangenheit-von-hugo-boss-braune-hemden-1.1146339

Und zum Thema Schuhe können wir ein sehr interessantes Buch empfehlen:
Anne Sudrow: Der Schuh im Nationalsozialismus. Eine Produktgeschichte im deutsch-britisch-amerikanischen Vergleich, Göttingen 2010